Reise durch die Nacht - im Treibsand der Depression

> Triggerwarnung: Depression, Suizidalität, Selbstverletzendes Verhalten

 

Heute überkam mich eine große Traurigkeit. Ich legte mich in die Badewanne und hörte Musik, ließ die Tränen fließen. Auf einmal spürte ich: Es war die Traurigkeit der 22-jährigen Mirijam. Die so verzweifelt war, dass sie - mit nur 22 Jahren - versuchte sich das Leben zu nehmen. 

 

Ich weinte, um wer ich war. Wie traurig und allein. Innerlich habe ich gerufen. Ich brauchte Hilfe. Doch keiner kam. Ich fühlte mich verlassen. Alles um mich war schwarz. Dieses Schwarz umhüllte mich und alles in meinem Leben. Es hatte mich im Würgegriff, bis all das Leben, fast aus mir gewichen war. Ich taub wurde vor Schmerz. 

 

Ich erinnerte mich an die 22-jährige Mirijam, die immer eine Rasierklinge in ihrem Geldbeutel hatte. Die betrunken von einer Party nach Hause torkelte und sich aus ihrer emotionalen Not heraus die Arme aufschnitt. Die Erleichterung fand in diesem Schmerz. Weil er endlich den inneren Schmerz überdeckte, so dass er ein paar Momente nicht da war. Dieser Schmerz, der alles aufraß in ihrem Leben. Jede Hoffnung, jeden Lebenswillen. 

 

Diese monströse Leere, die niemals nicht da war. Die mich immer begleitete, ob ich lachte oder weinte. Wenn Menschen nicht verstanden, dass ich sterben will. Dass sie hilflos waren. Dass sie einfach weitermachen mit ihrem Leben - und ich zurück blieb.

 

Dieses omnipräsente Gefühl der Einsamkeit. Des Alleinseins. Aber nicht dieses „gute“ Alleinsein, sondern das zerstörerische Alleinsein. Das „Gedankenkreisen-stundenlang-Löcher-in-die-Luft-starren"-Alleinsein. Das „Nicht-mehr-da-sein-wollen“-Alleinsein. 

 

Heute in der Badewanne habe ich mich daran erinnert, was für eine schlimme Zeit das war und ich habe gefühlt, was ich damals gefühlt habe. Ich ließ meinen Tränen freien Lauf. Habe Musik gehört, die ich damals gehört habe. Diese taumelnde Ohnmacht war wieder da. Ich erinnerte mich, wie ich versuchte alles in Alkohol und Drogen zu ertränken, mich zu betäuben. Ich wollte es „weg machen“, dieses innere schwarze Loch. Diese Gleichgültigkeit. Dieses Gefühl, dass es egal ist, ob ich da bin oder nicht. Das mein Leben nicht wichtig ist. Alles war mir recht, um ein wenig Frieden zu finden. Es war nur auf Zeit. Nur geborgt. Nach ein paar Stunden war alles so wie vorher. 

 

Ich war innerlich schon tot und die äußere Handlung wäre nur konsequent gewesen. Alle Tränen waren geweint und ich fiel ins Bodenlose. Und fiel immer weiter. Ich war innerlich hohl. Es gab nichts mehr zu sagen und doch so viel. Ich fand keine Worte. Niemand hörte mir wirklich zu. Ich sprach ins Leere.

 

Wenn ich nach Hause kam und die Türe schloß und alles über mir herein brach. Wenn ich nicht mehr die „glückliche Mirijam“ performte. Wenn dieses Schauspiel ein Ende hatte. Wenn ich sah,  wie diese haushohe Welle auf mich zu rauschte, mit diesem donnerndem Grollen und ich keine Kraft mehr hatte davon zu laufen. Jede Energie mir genommen war. Mein Körper mir nicht gehorchte. Alles von dieser dunklen Wolke aus mir heraus gesaugt war und ich eigentlich in mir hätte zusammen fallen sollen. Wenn dieser übergroße Schmerz, wie eine Tonnenlast auf meiner Brust lag und ich zu ersticken drohte. So fühlte ich mich viele Jahre. Sehr viele Jahre meines Lebens. Es war eine Tortour. Es war meine persönliche Irrfahrt durch die kalte Nacht des Selbsthasses. Es gab kein vor und kein zurück. Dabei versank ich langsam aber stetig im Treibsand der Depression. 

 

Mein Leben schien sich im Kreis zu drehen. Ich rannte und rannte und rannte und kam doch niemals irgendwo an. Ich war so müde und abgekämpft, ich hätte vor Erschöpfung einfach umfallen müssen. Dieser Nebel, der mich umgab, der mir die Sicht raubte. Der alles unklar machte. Unklar, wo es mit meinem Leben hingehen sollte. Es war mir auch egal. 

 

Und unter all diesen Umständen, lebte ich nach außen ein normales Leben. Ich machte meine Schule, ich schrieb gute Noten, ich machte eine Ausbildung, ich fuhr mit meinen Freundinnen in Urlaub, ich lachte. Niemand wußte so wirklich, wie es mir ging. Wie sollte ich das auch erklären? Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben, diesen Ort an dem ich war. Ich habe meine persönliche Hölle erlebt. Den Nullpunkt der Hoffnung, an dem alles sinnentleert ist. 

 

Ich wollte einfach nicht mehr da sein. Doch im Grunde wollte ich nicht nicht mehr da sein, sondern, dass dieser Schmerz nicht mehr da ist und mein Leben anders wird. Dass ich nicht mehr saufe, bis ich kotze, dass ich nicht mehr fresse, bis ich kotze, dass ich mir nicht mehr die Rasierklinge tief ins Fleisch ramme, bis ich blute, dass ich nicht mehr hungere, bis ich ohnmächtig werde, dass ich nicht mehr jeden Tag darüber nachdenke, wie ich meinem Leben ein Ende setze. Dass diese dunkle Nacht der Seele endlich vorbei ist. Endlich vorbei. Dass dieses immerwährende Schwarz, das alles verschlingt, was noch so wenig Licht schenken könnte, sich auflöst. Das mir Hiebe versetzt, die ich körperlich spüre. 

 

Ich wollte, dass mein Rufen erhört wird. Von irgendwem. Ganz egal wem. Irgendwem. Irgendjemand, dem ich etwas bedeute, dem mein Leben etwas bedeutet, der will, dass ich am Leben bin. Der mir sagt, dass er mich führt - raus aus diesem Elend, aus dieser nicht enden wollenden Not. Dieser tiefen Verzweiflung, die mich höhnisch verlacht. Die mir jeden Tag sagt, dass ich nichts wert bin. Dass sich niemand um mich schert. Dass es egal ist, ob ich da bin oder nicht. 

 

Dass die einzigen Momente in denen ich mich lebendig fühle, die sind, in denen ich mir die Arme aufschneide. Die Momente gut sind, wo ich mich selbst bestrafe, weil ich es nicht anders verdiene. In denen ich mich geistig geißle und niedermache und meine Gedanken sich immer im Kreis drehen. Immer im Kreis. Und es niemals endet. Es niemals ein Ende hat. Erst wenn ich „es“ tue, dann wird Ruhe sein. 

 

Bis zum heutigen Tag steigen mir die Tränen in die Augen, wenn ich mir ehrlich gegenüber gestehe, dass es einen Teil in mir gibt, der enttäuscht darüber ist, dass ich an diesem Tag, als ich versuchte mir das Leben zu nehmen, nicht erfolgreich war. Diese höhnische Stimme, die mich verlacht, weil ich "versagt" habe. 

 

All das geht mir durch den Kopf, als ich heute in der Badewanne liege und mir die Tränen heiß über die Wangen fließen. 

20 Jahre später finde ich Worte, die ich damals nicht fand. Bildhafte Worte kriechen in mir hoch, die einigermaßen beschreiben, was ich erlebt und gefühlt habe. 

 

 

Heute weiß ich, dass nichts in meinem Leben je wieder so schwer sein wird wie das: Sterben zu wollen. Keine Last der Welt wiegt so schwer, wie diese Wanderung durch die kalte Nacht der Hoffnungslosigkeit. Wie dieser eisig schneidende Wind des Lebens und das verlockende Sirenenrufen des Todes. 

 

 

Hilfe bei Depression und Suizidgedanken:

 

Berliner Kriesendienst

Suizidprävention Berlin 

Suizidprophylaxe

Irrsinnig Menschlich

 

Nachtrag: Ich bin seit nunmehr 6 Jahre frei von depressiver Symptomatik, Ess-Brech-Anfällen und SV Verhalten. 

 

Foto: Unsplash, Alireza Badiee