Es gibt immer ein Warum - leben ohne Alkohol

Was haben Alkohol und Essen gemeinsam? Den Kontrollverlust. Zumindest in meinem Leben.

Oft in meinem Leben habe ich mir gewünscht, mit „der Droge Essen“ aufzuhören, auf Entzug zu gehen,

dem Dämon abzuschwören und ein beschauliches Leben zu führen. Aber man muss ja essen.

Alkohol trinken nicht. Dem wollte ich aber nie abschwören. Aber von vorne. 

 

In meiner Jugend habe ich gerne und viel getrunken. Ich hatte viele Probleme, vor allem mit mir selbst

und wollte vergessen. Die anderen haben das ja auch so gemacht. Vielleicht aus denselben,

vielleicht aus anderen Gründen. Spielte ja auch keine Rolle, das hatten wir jedenfalls gemeinsam. 

 

Trinken gehörte zum guten Ton

 

Am Wochenende gingen wir ohne Vorglühen eigentlich nirgendwo hin. Schon gar nicht in die Disko

oder auf eine Party. Es gehörte zum guten Ton – und wer nicht mit trank, wurde eindringlich

und nachhaltig aufgefordert. Am nächsten Morgen: Das elende Gefühl in Kopf und Körper

und die Scham unkluge Textnachrichten in die Welt verschickt zu haben. 

 

Ich habe mir also bei zu vielen Gelegenheiten als Heranwachsende einen reingeleert.

Interessant wird die Geschichte, als mich im erwachsenen Alter dieselben Beweggründe wie damals

an das Kühlregal im Späti laufen lassen. Ich will vergessen, entfliehen, den Kopf frei kriegen.

Ist doch nur ein Bier. Oder der kultivierte Rotwein. Sieht auch noch intellektuell aus.

Ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich es mit mir und meinen Gedanken nicht aushalte. Wie schon all die Jahre zuvor. 

 

Mit Anfang 20 entwickle ich eine Essstörung. Bulimie hat ganz viel mit Kontrollverlust

und dysfunktionaler Emotionsregulation zu tun. Sie hat hohen Suchtcharakter.

Und so bemerkte ich allzu oft, dass ich einfach kein Ende fand. Nicht beim Essen, nicht beim Trinken.

Einmal angefangen, gab es kein Halten mehr. 

 

… Und immer wieder sehr viel Drama

 

Das kommt mit einem hohen Preis. Peinliche Eskapaden, Streitereien und Drama.

Immer wieder sehr viel Drama. Inzwischen habe ich meinen Frieden mit dieser Zeit meines Lebens gemacht.

Ich habe viel gelernt. Auf die harte Tour. Das ist okay. 

 

Die Essstörung habe ich mit therapeutischer Hilfe überwunden. Das Trinken wurde moderat, „erwachsen“.

Aber macht es das dann besser oder verständlicher? Menschen, die keinen Alkohol trinken,

habe ich immer ein bisschen unverständlich betrachtet, aber irgendwie auch bewundert.

Für ihren Entschluss. Ihre Standhaftigkeit. 

 

Und immer öfter rückte die Option „nicht trinken“ in mein Blickfeld. Immer mehr liebäugelte ich damit.

Fing an mich zu informieren. Analysierte ganz genau, wann trinke ich und vor allem warum.

Und es gibt immer ein warum, auch wenn es vielleicht unbewusst ist. Ganz oft war mein warum,

zu entspannen oder nach einer anstrengenden Woche abzuschalten. Moment mal, dachte ich irgendwann.

Das kann doch nicht sein! Gerade Du hast doch so viele andere Möglichkeiten an der Hand

und wählst diese Option? Interessant. 

 

Wenn man sich zum Thema Nüchtern-leben mal schlau macht, öffnen sich (geistig) so viele Türen.

All die Jahre habe ich als Yogalehrerin und Coachin so viel Reflexions- und Bewusstseinsarbeit gemacht,

aber nie über diese Option nachgedacht. Seit dem 17.08.19 trinke ich nicht mehr.

Für immer? Wer weiß das schon. Aber ein Anfang ist gemacht. 

 

Dieser Artikel ist auch auf dem Richtig Nice Blog erschienen.

 

Foto: Greg Rakozy,  Unsplash